
Mitten in der Hurrikansaison bleibt der Atlantik auffällig still: drei kurzlebige Tropenstürme, kein einziger Hurrikan. So ruhig war ein Saisonstart seit fast 40 Jahren nicht mehr. Dahinter steckt ein El Niño, der Kurs auf Rekordwerte nimmt. Was das für den Winter in Europa bedeutet, ist eine ganz andere Frage.
Drei Stürme, kein Hurrikan
Bis Ende August haben sich im Atlantik lediglich Arthur, Bertha und Cristobal gebildet, zusammen kamen sie auf gerade einmal viereinhalb Tage Lebensdauer. Ein Hurrikan fehlt bislang komplett. Gemessen an der akkumulierten Zyklonenergie ist es der schwächste Saisonstart seit 1988. Aktuell räumt das National Hurricane Center einer Störung westsüdwestlich der Kapverden eine hohe Entwicklungschance von 70 Prozent ein. Sie könnte kurzzeitig den Namen Dolly bekommen, dürfte aber schon ab Freitag in trockener, stark gescherter Luft wieder zerfallen.
Ein El Niño auf Rekordkurs
Der Grund liegt im Pazifik. Nach der ENSO-Diagnose der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA vom 13. August lag die Abweichung im Nino-3.4-Gebiet im Juli bei 1,4 Grad über dem Mittel, unter der Meeresoberfläche steckt bereits deutlich mehr Wärme. Für Herbst und Winter geben die Fachleute einem sehr starken Ereignis über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit, für Oktober bis Dezember sehen sie eine 69-prozentige Chance auf einen Wert, der jedes El-Niño-Ereignis seit 1950 übertreffen würde. Über die Fernwirkung frischen die Höhenwinde über dem Atlantik auf, und Scherung ist für junge Tropenstürme Gift.
Was das für Europa heißt
Für Mitteleuropa lässt sich daraus wenig ableiten. Europa ist der Kontinent mit dem schwächsten El-Niño-Signal, und der Deutsche Wetterdienst weist ausdrücklich darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen ENSO und unserem Wetter viel loser ist als rund um den Pazifik. Unser Winter entscheidet sich am Nordatlantik: an der Nordatlantischen Oszillation und am Zustand des Polarwirbels. Ein indirekter Draht bleibt aber. Kräftige El-Niño-Winter stören die Stratosphäre häufiger, und ein geschwächter Polarwirbel öffnet Kaltluft den Weg nach Süden. Sicher ist das nicht, belastbare Winterprognosen gibt es Ende August noch nicht.