
Deutschlands Winzerinnen und Winzer haben in diesem Jahr so früh gelesen wie noch nie: Schon in der zweiten Augustwoche fielen die ersten Trauben. Jetzt läuft die Hauptlese beim Riesling – und ausgerechnet dabei dreht das Wetter. Nach einem sonnigen Wochenende ziehen ab Wochenmitte Regen und deutlich kühlere Luft auf. Für hochreife, dünnschalige Beeren ist das ein heikler Moment.
Früheste Lese seit Beginn der Aufzeichnungen
Begonnen hat alles in der zweiten Augustwoche, zuerst in Baden und der Pfalz. "Das war in allen Weinanbaugebieten der früheste Lesestart überhaupt", sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut – ein bis zwei Wochen früher als in den vergangenen Jahren und rund vier Wochen früher als vor 30 bis 40 Jahren. Der Grund steht in den Messreihen: An der Wetterstation Geisenheim im Rheingau war der Juli mit 22,8 Grad der drittwärmste seit 1885, und mit 4,9 Litern pro Quadratmeter fiel dort nur im Jahr 1949 noch weniger Regen. Bundesweit verbuchte der DWD den zweitwärmsten Sommer seit 1881.
Kleine Beeren, weniger Most
Reif heißt in diesem Jahr nicht ergiebig. Weil den Reben das Wasser fehlte, blieben die Beeren klein – der Zucker steigt dadurch schneller, die Menge sinkt. Der badische Winzer Friedhelm Rinklin rechnet mit zehn bis 20 Prozent weniger Ertrag als im Vorjahr, hält seine Trauben aber für sehr gut ausgereift bei moderater Säure. Noch deutlicher trifft es die Nachbarn: Im österreichischen Burgenland wird ein Minus von rund 30 Prozent erwartet, in Wien etwa 25 Prozent. Viele Betriebe haben bewusst früh gelesen, um zu hohe Mostgewichte und schwere, alkoholreiche Weine zu vermeiden.
Sonne bis Montag, dann Regen und Abkühlung
Bis Montag bleibt das Lesewetter ideal: Am Sonntag scheint verbreitet die Sonne bei 19 bis 30 Grad, am Montag klettert das Thermometer am Oberrhein noch einmal auf bis zu 33 Grad. Danach kippt die Lage. Ab Mittwoch erreichen die Höchstwerte nur noch 17 bis 24 Grad, es wird zunehmend nass, und zum Ende der Woche fällt verbreitet kräftiger Regen bei kühlen Nächten um 6 bis 13 Grad. Für hochreife Trauben ist das der kritische Punkt: Wasser nach langer Trockenheit kann dünnschalige Beeren aufplatzen lassen, feuchte Luft begünstigt Fäulnis. Wer kann, holt bis Dienstag herein, was reif ist.