
Die Arktis hat diesen Sommer nur knapp einen neuen Negativrekord verpasst. Nach einem Winter mit dem niedrigsten je gemessenen Meereis-Maximum rutschte die Eisfläche im August fast auf das Niveau der Horrorschmelze von 2012 – gerettet nur durch ein kühles Tiefdrucksystem in letzter Minute. Am 10. September wurde nun vermutlich das Jahresminimum erreicht: mit rund 4,60 Millionen Quadratkilometern der zehntniedrigste Wert der fast 47-jährigen Satellitenmessreihe.
Knapp am Rekord von 2012 vorbei
Im August lag die arktische Meereisausdehnung im Mittel bei 5,56 Millionen Quadratkilometern – der siebtniedrigste Wert der Messreihe seit 1979 und nur 840.000 Quadratkilometer über dem bisherigen Rekordtief vom August 2012. Wochenlang verlief die Schmelze nahezu parallel zur Katastrophenkurve von damals. Dass der Rekord am Ende nicht fiel, lag an einem kühlen Tiefdrucksystem, das im Hochsommer dichte Wolken über das zentrale Nordpolarmeer brachte: In rund 2500 Metern Höhe lagen die Temperaturen bis zu 2 Grad unter dem langjährigen Mittel und bremsten die Schmelze spürbar.
Dünn wie nie: Eis ohne Reserven
Schon der Winter hatte Warnsignale gesetzt: Am 15. März erreichte das arktische Meereis mit 14,29 Millionen Quadratkilometern sein Jahresmaximum – gleichauf mit dem Vorjahr 2025 der niedrigste Wert der 48-jährigen Satellitenreihe. Gleichzeitig war das Eisvolumen so gering wie noch nie in einem März gemessen, rund 15 Prozent unter dem Wert vom März 2024. Dünnes, junges Eis schmilzt im Sommer deutlich schneller als altes, mehrjähriges Eis – die Arktis startet damit mit immer weniger Substanz in die entscheidenden Sommermonate.
Was das mit unserem Winter zu tun haben könnte
Für Mitteleuropa ist schwindendes arktisches Meereis mehr als eine ferne Randnotiz. Klimaforschende diskutieren seit Jahren, ob die schnellere Erwärmung der Arktis den Jetstream schwächt und Wetterlagen dadurch hartnäckiger werden – von Kälteeinbrüchen bis zu lang anhaltendem Regen. Eine gesicherte Antwort gibt es bislang nicht, dafür sind die Datenreihen noch zu kurz. Sicher ist: Das offene, dunkle Nordpolarmeer speichert im Herbst zusätzliche Wärme und Feuchte, die in nachfolgende Wettersysteme einfließen kann – ein Faktor, den auch unsere mittelfristigen Modelle im Blick behalten.
Dominik Jung
Diplom-Meteorologe
Als Diplom-Meteorologe stehe ich seit 2002 für das Wetter-TV von wetter.net vor der Kamera. Täglich ordne ich die aktuelle Wetterlage ein, bewerte die Langfristmodelle und erkläre, was hinter Extremwetterlagen wirklich steckt. Über 16 Millionen Mal wurden meine Prognosevideos bisher abgerufen.






