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Wenn der Fluss zum Gebirge wird – Eisberge auf der Elbe

Die Elbe zeigt sich derzeit von einer Seite, die selbst langjährige Anwohner überrascht. Dort, wo sonst Frachter Richtung Hamburg ziehen, türmen sich kantige Eisblöcke, haushoch geschichtet, im flachen Winterlicht. Bei Geesthacht hat sich der Fluss in eine bizarre Eislandschaft verwandelt – ein Schauspiel, das Schaulustige anzieht und zugleich die Schifffahrt vor erhebliche Probleme stellt.

Wenn Flüsse zu Eisarchiven werden 

Warum sich auf der Elbe meterhohe Eisformationen bilden konnten Die Eisberge, die sich derzeit bei Geesthacht an der Elbe auftürmen, sind kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Temperatur, Strömungsdynamik und Flussbau. Was für Spaziergänger wie ein spektakuläres Wintermotiv wirkt, ist aus naturwissenschaftlicher Sicht ein seltenes Lehrbeispiel für Prozesse, die in mitteleuropäischen Flüssen nur noch unter außergewöhnlichen Bedingungen auftreten.


Der thermische Kipppunkt eines Flusses 

Fließgewässer reagieren träge auf Kälte, doch anhaltende Frostperioden können auch große Ströme an ihre physikalischen Grenzen bringen. Sinkt die Lufttemperatur über Tage hinweg deutlich unter null, verliert das Wasser kontinuierlich Wärme. Wird die kritische Schwelle erreicht, bilden sich zunächst Eiskristalle im turbulenten Wasser – sogenanntes Frazil- oder Grundeis. Dieses haftet an Steinen und Sedimenten, löst sich später wieder und steigt aufgrund seiner geringeren Dichte an die Oberfläche. Von der Eisdecke zur Schollenfracht In strömungsärmeren Abschnitten kann sich aus diesen Prozessen eine geschlossene Eisdecke entwickeln. Sobald sich Strömung, Wasserstand oder Temperatur verändern, verliert diese Decke ihre Stabilität. Sie zerbricht in einzelne Platten, deren Größe und Dicke stark variieren. Unterstützt durch den Einsatz von Eisbrechern wird dieser Zerfall beschleunigt – ein notwendiger Eingriff, um den Wasserabfluss aufrechtzuerhalten, der aber zugleich große Mengen treibenden Eises freisetzt. 


Hydraulische Engstellen als Eisfallen 

Warum sich die Schollen ausgerechnet bei Geesthacht in solcher Höhe auftürmen, liegt an der besonderen hydraulischen Situation. Die Staustufe reduziert die Fließgeschwindigkeit des Wassers erheblich. Trifft die Eisfracht auf diesen verlangsamten Strom, verliert sie ihren Transportmechanismus. Die Schollen schieben sich übereinander, verkeilen sich und wachsen schichtweise an. Dieser Prozess ähnelt dem Aufbau eines Eisdeltas – nur vertikal statt horizontal. 


Die Rolle der Tide 

Hinzu kommt der Einfluss der Nordsee. In diesem Abschnitt der Elbe wirkt bereits die Tide, die regelmäßig Wasser flussaufwärts drückt. Physikalisch entsteht dadurch ein Gegenspiel zweier Kräfte: der abwärts gerichteten Flussströmung und der auflaufenden Gezeitenbewegung. Ist die Strömung zu schwach, bleibt das Eis im Staubereich gefangen. Erst wenn der Abfluss dominiert, können die Eisformationen abgetragen oder kontrolliert aufgelöst werden. 


Seltene Bedingungen in einem regulierten Fluss 

Dass sich Eisberge von bis zu zehn Metern Höhe bilden, ist auch deshalb außergewöhnlich, weil große Flüsse heute stark reguliert sind. Begradigungen, Staustufen und gleichmäßigere Abflüsse verhindern normalerweise die extreme Eisakkumulation früherer Jahrzehnte. Das aktuelle Ereignis zeigt, dass diese Schutzwirkung unter bestimmten meteorologischen Extremen an ihre Grenzen stößt. 


Ein Blick in die Dynamik winterlicher Flüsse 

Für die Wissenschaft bietet die Situation einen seltenen Einblick in Prozesse, die sonst kaum beobachtbar sind. Die Elbe wird kurzfristig zu einem offenen Labor für Strömungsmechanik, Phasenübergänge und Wechselwirkungen zwischen natürlicher Dynamik und technischer Steuerung. Was derzeit als spektakuläres Naturschauspiel wahrgenommen wird, ist zugleich ein eindrücklicher Beleg dafür, wie sensibel große Flusssysteme auf anhaltende Kälte reagieren – selbst im 21. Jahrhundert.